Ein Herrenrad hat eine hohe Querstange, ein Damenrad einen tiefen Einstieg. So haben wir es gelernt, und so werden Fahrräder bis heute häufig verkauft.

Dabei stellt sich eine naheliegende Frage: Warum sollte eine Frau einen anderen Fahrradrahmen benötigen als ein Mann?

Mit unterschiedlichen Körpermaßen hat die ursprüngliche Unterscheidung erstaunlich wenig zu tun. Die Erklärung liegt vor allem in der Mode und den gesellschaftlichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Und die waren teilweise ziemlich abenteuerlich.

Als radfahrende Frauen noch für Aufregung sorgten

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte das Fahrrad einen regelrechten Boom. Die neuen Fahrräder mit zwei ungefähr gleich großen Rädern waren wesentlich leichter zu beherrschen als die früheren Hochräder. Plötzlich konnten sich Menschen über größere Entfernungen bewegen, ohne auf eine Kutsche oder die Eisenbahn angewiesen zu sein.

Für Frauen war das etwas Besonderes. Sie konnten selbst entscheiden, wohin sie fuhren, Bekannte besuchen oder Ausflüge unternehmen. Und das alles ohne Begleitung.

Allerdings fand nicht jeder diese neue Selbstständigkeit erfreulich.

In Teilen der damaligen Gesellschaft galt es als unschicklich, wenn Frauen Fahrrad fuhren. Besonders die Kleidung sorgte für Diskussionen. Lange Röcke waren auf dem Fahrrad unpraktisch, weshalb manche Radfahrerinnen zu weiten Hosen griffen. Diese sogenannten Bloomers waren für damalige Verhältnisse ein ziemlich gewagtes Kleidungsstück.

Heute würde wohl niemand mehr darüber nachdenken, ob eine Frau auf dem Fahrrad eine Hose tragen darf. Damals konnte genau das für Empörung sorgen.

Fahrradfahren sollte sogar schlecht für spätere Geburten sein

Noch merkwürdiger waren einige medizinische Warnungen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde tatsächlich darüber diskutiert, ob Fahrradfahren die weiblichen Fortpflanzungsorgane schädigen könnte. Manche Ärzte befürchteten, die Belastung beim Fahren könne sich auf das Becken auswirken und spätere Geburten erschweren.

Das ist keine erfundene Geschichte. Ein medizinischer Fachbeitrag aus dem Jahr 1898 beschäftigte sich ausdrücklich mit solchen Befürchtungen.

Allerdings waren sich die Ärzte keineswegs einig. Andere sahen im Fahrradfahren eine gesunde körperliche Betätigung. Für die behaupteten Schäden gab es keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege.

Die Diskussion erzählt deshalb mindestens ebenso viel über die damalige Stellung der Frau wie über die Medizin.

Das Fahrrad setzte sich trotzdem durch. Und mit ihm entstand eine Rahmenform, die Frauen das Fahren in der damals üblichen Kleidung erleichtern sollte.

Der lange Rock bestimmte die Rahmenform

Bei einem klassischen Herrenrad verläuft das Oberrohr vom Lenkerbereich fast waagerecht zum Sattelrohr. Zum Aufsteigen schwingt man normalerweise ein Bein über den Sattel.

Mit einem bodenlangen Rock war das keine besonders elegante Angelegenheit. Der Stoff konnte sich am Rahmen verfangen oder in die Speichen geraten. Außerdem ließ sich das Bein nicht ohne Weiteres über den Sattel heben, ohne dabei gegen die damaligen Vorstellungen von Anstand zu verstoßen.

Die Fahrradhersteller reagierten mit Rahmen, deren oberes Rohr deutlich tiefer verlief. Manche Modelle hatten überhaupt kein klassisches Oberrohr mehr.

Hinzu kamen praktische Details wie der Rockschutz am Hinterrad. Er sollte verhindern, dass der Stoff zwischen die Speichen geriet.

Das Damenrad entstand also nicht deshalb, weil Frauen grundsätzlich einen niedrigeren Rahmen benötigen. Es war vor allem eine Anpassung an ihre Kleidung.

Warum hat das Herrenrad überhaupt eine Querstange?

Die hohe Querstange hat einen handfesten technischen Nutzen.

Der klassische Diamantrahmen besteht aus mehreren Rohren, die Dreiecke bilden. Eine solche Konstruktion lässt sich mit vergleichsweise wenig Material sehr steif bauen. Das war besonders wichtig, als Fahrradrahmen noch aus Stahl gefertigt wurden und jedes zusätzliche Gramm Material ins Gewicht fiel.

Bei einem tiefen Einstieg fehlt diese geschlossene Dreiecksform teilweise oder vollständig. Die Kräfte müssen deshalb anders durch den Rahmen geleitet werden.

Früher konnte das bedeuten, dass ein Damenrahmen schwerer ausfallen musste, um ausreichend stabil zu sein.

Heute lässt sich das nicht mehr so pauschal sagen. Moderne Werkstoffe, größere Rohrquerschnitte und ausgefeilte Rahmenkonstruktionen ermöglichen auch bei Tiefeinsteigern hohe Steifigkeit und Belastbarkeit.

Ein Herrenrad ist also nicht automatisch stabiler als ein Damenrad. Man müsste schon die konkreten Modelle miteinander vergleichen.

Beim E-Bike verliert die alte Unterscheidung ihren Sinn

Wer heute an einem Fahrradgeschäft vorbeigeht, sieht häufig E-Bikes mit besonders tiefem Einstieg. Und darauf sitzen längst nicht nur Frauen.

Das ist leicht nachzuvollziehen. Ein E-Bike bringt oft 25 Kilogramm oder mehr auf die Waage. Beim Anhalten und Aufsteigen ist das zusätzliche Gewicht durchaus zu spüren.

Wer dann noch eine Gepäcktasche auf dem hinteren Träger hat, möchte sein Bein nicht unbedingt über den Sattel schwingen.

Ein tiefer Einstieg macht das Aufsteigen einfacher. Das gilt für einen 30-jährigen Mann genauso wie für eine 70-jährige Frau.

Umgekehrt fahren Frauen selbstverständlich Rennräder, Gravelbikes oder Mountainbikes mit klassischem Diamantrahmen. Dort sind eine sportliche Sitzposition, geringes Gewicht und eine steife Rahmenkonstruktion häufig wichtiger als ein besonders bequemer Einstieg.

Die Bezeichnungen Damenrad und Herrenrad passen deshalb immer weniger zu den Fahrrädern, die heute tatsächlich genutzt werden.

Was ist beim Fahrradkauf wichtiger als Damen- oder Herrenrad?

Wer ein neues Fahrrad sucht, sollte sich zunächst fragen, wie und wo er damit fahren möchte.

Für kurze Wege in der Stadt, häufiges Anhalten und den täglichen Einkauf kann ein Tiefeinsteiger sehr angenehm sein. Wer sportlich fährt, wird möglicherweise eine andere Rahmenform bevorzugen.

Noch wichtiger sind die passende Rahmengröße und eine Sitzposition, bei der man sich wohlfühlt. Auch der Abstand zum Lenker, die Höhe des Sattels und ein sicheres Auf- und Absteigen spielen eine Rolle.

Manchmal lohnt es sich deshalb, beim Fahrradhändler ganz bewusst ein Modell auszuprobieren, das nach der traditionellen Einteilung eigentlich für das andere Geschlecht gedacht wäre.

Vielleicht passt es sogar besser.

Dass wir heute noch von Damen- und Herrenfahrrädern sprechen, ist vor allem ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Frauen zum Radfahren lange Röcke trugen und sich manche Ärzte ernsthaft Sorgen über die Folgen für spätere Geburten machten.